Samstag, 14.08.2010:
Es ist 0.15 h – ich sitze in der „AEROFLOT-Airbus“ von FFM nach Moskau. Wir haben + 2 Stunden Zeitverschiebung. Um 5 h russischer Zeit lande ich in Moskau und lerne nach und nach alle 7 andern Expeditionsteilnehmer kennen. Alle machen einen sehr netten Eindruck.
Weiter geht`s zum Flughafen „Mineraly Vody“ (übersetzt Mineralwasser
) und von da aus 4 Stunden mit dem Kleinbus bis ins, auf 2.100 m Höhe gelegene, TERSKOL – unser Basislager für die nächsten 8 Tage und dem letzten Ort vorm ELBRUS, bevor die Straße hier endet. Die Gegend ist landschaftlich wunderschön. Allerdings ist der Ort auch trostlos. In den Augen der Menschen steht als Tagesbeschäftigung „Überleben“. Sie lachen kaum und überall liegt Müll herum bzw. stehen halbfertige Gebäude. Ein Teil der Berge sind zu gefährlich zu besteigen, da sie die Grenze zu Georgien darstellen. Es sind im Moment aufgrund des russisch-georgischen Krieges zu viele nervöse Grenzsoldaten dort oben.

In unserem Hotel empfängt uns unsere Bergführerin (Guide) Oksana Novak – sie kommt aus der Ukraine. Dann zeigt sie uns die Stadt (na ja-es ist mehr ein Dorf mit ein paar spärlich eingerichteten Läden.) Überall wird die Nationalspeise auf Holz gegrillt: Schaschlik (Huhn oder Lamm, da die Menschen hier Muslime sind!)
Am Abend essen wir im Hotel: gebratenes Hackfleisch – das sollte es noch des öfteren (sprich: eigentlich fast jeden Tag) geben!
Sonntag, 15.08.2010:
Um 4 h wache ich plötzlich auf – es singt der Muezzin zum Morgengebet. Ich kenne bisher nur Kirchenglocken, nur die bimmeln nicht um 4 h morgens. Müde sitze ich am Frühstückstisch. Dort gibt es u.a. extrem fettige Pfannekuchen mit einer Art Pferdekondensmilch. Sehr gewöhnungsbedürftig. Allerdings genieße ich die gebratenen Eier und den frisch aufgebrühten Schwarztee. Dann brechen wir zu einer Akklimatisierungstour auf 3.450 m Höhe auf. Die erste Viertelstunde Höhe ist echt anstrengend. Dann ist mein Körper jedoch im Thema und ich gewöhne mich langsam an die Höhe. Ab 2.500 m Höhe atmet der Organismus schon ein bisschen öfter durch. Auf dem Akklimatisierungsgipfel haben wir die erste Sicht auf den noch in den Wolken gelegenen ELBRUS.
Das Ziel vor Augen…
Am Abend gibt es zum Essen den typisch russischen „BORTSCH“ – echt lecker. Danach kommt die Hauptspeise: mit HACKFLEISCH gefüllte Paprika. Eigentlich eines meiner Lieblingsgerichte – nur schon wieder Hack!
Montag, 16.08.2010:
Heute geht es zu den „BOTSCHKIES“ – unserem vorgeschobenen Basislager auf 3.750 m Höhe. Hierbei handelt es sich um ehemalige Dieseltanks, welche mit jeweils 6 Betten umgebaut wurden.

Wir fahren mit fast dem kompletten Gepäck via Lift hoch und belegen mit 6 Expeditionsteilnehmern „Botschkie Nr. 4“. Dieser ist offensichtlich ca. 30 Jahre alt und wurden wahrscheinlich nie geputzt. Die einen Bergsteiger gehen, die anderen kommen. Allerdings darf man sich darüber in den Bergen nicht so viel Gedanken machen. Hier geht es ausschließlich darum klar zu kommen!
Als ich jedoch die „Toiletten“ sehe, muss ich schlucken. Drei aneinander gezimmerte Bretterbuden auf einem Podest (wobei nur 2 davon Türen haben). Im Innenraum ist dann ein kleines Loch reingesägt und der/die Betroffene darf dann die Bückhaltung einnehmen und zielen. Natürlich treffen nur die wenigsten und somit kann sich jeder vorstellen, wie gerne man in diese 3 Buden gehen möchte. Die Wahrscheinlichkeit beim “Russisch Roulette“ zu sterben, ist genauso hoch wie beim ……. zu treffen. Bezeichnenderweise waren die beiden Klotüren auch von ehemaligen Besuchern beschriftet worden:
Tür 1: House of Horror (Horrorhaus)
Tür 2: House of Pain and Agony! (Haus des Schmerzes und Todeskampfes)
Wow – that`s the russian way of sanitary – unvorstellbar!!!
Um diesen BLOG „sauber zu halten“ erspare ich mir hier Fotos aus dem Inneren des stillen Örtchens zu veröffentlichen!

Gegen 14 h gibt es Mittagessen in der Kantine des „Botschkielagers“. Es sind genau 20 Minuten Zeit dafür, da nur für 18 Leute Platz ist und insgesamt ca. 50 Personen essen wollen. Ich freue mich, dass es zur Abwechslung mal Hühnchen gibt.
Nachmittags geht`s dann los zu einem weiteren Akklimatisierungsmarsh zum „Pastuchow-Felsen“ auf 4.690 m Höhe. Ein neuer persönlicher Höhenrekord für mich. Das spielt jetzt aber keine Rolle, denn man ist froh, wenn man bei leichtem Schneefall und Steigeisen einen Schritt vor den anderen kriegt. Seit heute Nacht ist das Wetter merklich schlechter bzw. unbeständig geworden. Es wechselt alle halbe Stunde von Wind auf Schnee und dann mal kurz wieder klarer Himmel. Eigentlich sollte hier noch Sommer sein!?
Dienstag, 17.08.2010:
Die 1. Nacht in den „Botschkies“ und auf fast 4.000 m Höhe ist verdammt ungewohnt. Die Matratze ist bretterhart und die Höhe macht sich ein bisschen bemerkbar. Man hat leichte Kopfschmerzen bzw. ab und zu ein geringfügiges Schwindelgefühl – soll allerdings normal sein da oben.
Gegen Mittag machen wir eine letzte Akklimatisierungstour auf 4.050 m zu einer Schutzhütte, welche 1998 abgebrannt ist. Beim Abstieg sind wir dann überraschend umhüllt von Wolken – Wind zieht auf. Unsere Bergführerin schreit plötzlich in gebrochenen englisch:“Hinlegen und Trekkingstöcke wegschmeissen!“ Wir schauen uns alle verwundert an und fragen uns was sie von uns will? Wir bleiben alle stehen, da wir nicht wirklich eine Veranlassung sehen und in das kalte Eis zu schmeißen. Sekunden später kracht es gewaltig über uns und einige Meter neben uns zucken Blitze. Jetzt haben wir unseren Guide verstanden und wir liegen in Duckhaltung im Eis. Da Blitz und Donner mehr oder weniger gleichzeitig kamen, standen wir offensichtlich mitten in einem Gewitter. In diesem Moment habe ich tatsächlich pure Angst. Vor lauter Stress habe ich allerdings noch die Trekkingstöcke in der Hand und stelle somit für das Gewitter einen idealen Blitzableiter dar. Nicht so gut…
Genauso schnell wie das Gewitter gekommen war, war es dann auch wieder verschwunden.
Wie lernen daraus, dass der Guide der Chef ist und wir in den Bergen einfach das tun müssen, was sie uns sagt!
Um 19.30 h gibt es Abendessen und dann gehen wir früh schlafen, denn heute Nacht geht es zum Gipfel auf 5.642 m Höhe. Laut russischer Wettervorhersage ist das Wetter heute Nacht optimal.
Mittwoch, 18.08.2010 (Der Gipfeltag):
Gegen 22 h geht in den „Botschkies“ das Licht aus. Na ja – es geht sowieso ab und zu mal aus, da der Strom zeitweise ausfällt. Jetzt ist es Zeit ein bisschen zu schlafen, um fit zu sein für den Gipfelsturm. Gegen 2 h gibt es ein kleines Frühstück und um 3 h wollen wir los. Als wir gegen 01.30 h aufwachen, ist nicht nur das Klo, sondern auch das Wetter der Horror. Es ist draußen völlig zugenebelt, es schneit stark und es blitzt und donnert. Oh mann – was jetzt?
Unser Guide Oksana kommt in unser „Botschkie“ und teilt uns mit, dass wir nicht losgehen können, da das Wetter zu schlecht ist. Wir verschieben den Start um eine Stunde auf 4 h. Jetzt geht das Warten los, denn das heißt noch nicht, dass wir um 4 h auch wirklich losgehen. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, wie es an höheren Bergen wie z.B. dem Mount Everest sein soll, wo man einige Wochen in einem kleinen Biwak warten muss bis das Wetter einen hoch lässt. (Noch) unvorstellbar für mich…!
Wir haben kurz vor 4 h. Zumindest hat das Gewitter aufgehört – alles andere ist unverändert.
Unser Guide entscheidet trotzdem, dass wir losmarschieren. Wir sollen uns allerdings warm anziehen (ich glaube, dass hat sie bewusst doppeldeutig gemeint!). Ich ziehe alles an, was ich habe. Lange Unterhose, die normale Softshellhose und noch eine Regenhose, ansonsten eine 5-schichtige Oberbekleidung, Sturmhaube, Wollmütze, Gletscherbrille und Stirnlampe . Dazu noch die Steigeisen und den Rucksack inclusive Eispickel für evt. Blankeis. Weil es so kalt ist, sind sogar warme Daunenhandschuhe erforderlich. Ich komme mir vor wie ein SEK-Beamter bei einem Einsatz unter Tage!

Als wir loslaufen, ist es ca. minus 15 Grad und der Schnee weht uns direkt ins Gesicht. Es ist in der Nacht ca. 15 cm Neuschnee gefallen, was das Laufen mit Steigeisen nicht einfach macht. Man rutscht nach einem getanen Schritt wieder einen halben zurück. Das kostet zusätzliche Energie. Wir kämpfen uns Schritt für Schritt durch Schnee und Wind – die Sicht beträgt aufgrund des starken Nebels ca. 5 m!

Zu den Wetterverhältnissen kommt noch die zunehmende Höhe, was sowieso schon mehr Energie kostet. Auf 5.000 m Höhe machen wir endlich eine Pause. Ich bin total erschöpft. Die Wetterverhältnisse haben mir die Energie nur so aus dem Körper gesaugt. Nur ich habe weiter mein Ziel vor Augen – vom 1. Gipfel meines „SEVEN SUMMITS PROJECT“. Ich esse einen Energieriegel, um die letzten Reserven zu mobilisieren. Danach beschließe ich, vorerst die Zähne zusammenzubeißen und weiter zu gehen – einen Schritt vor den anderen!

Auf 5.100 m Höhe wird das Wetter noch krasser! Mit dem Wind haben wir gefühlte Temperaturen von ca. minus 30 Grad und Wind und Schneefall werden stärker. Ich spüre in diesem Moment sehr deutlich, dass es unvernünftig wäre, jetzt hier noch weiterzugehen. Irgendetwas in mir sagt, dass ich dann meine Gesundheit und vielleicht sogar mein Leben aufs Spiele setze… Schweren Herzens treffen ich die Entscheidung, hier nicht weiterzugehen und wieder abzusteigen – im Nachhinein weiß ich, dass es richtig war, denn sonst wäre der Gipfeltag vielleicht zu einem Bluttag geworden. Mit einigen Expeditionsteilnehmern breche ich auf einer Höhe von 5.100 m den Gipfelsturm ab.

Wir werden in unserer Entscheidung bestätigt, als auf 5.300 m Höhe 2 weitere Expeditionsteilnehmer mit beginnender Höhenerkrankung schnell runtergebracht werden müssen. Es ist kein guter Tag heute am Berg! Wir laufen mit GPS zurück zu den „Botschkies“, da die Sicht nur einige Meter ist. Ohne GPS wäre bei dem Wetter die Gefahr groß gewesen, sich zu verlaufen und abzustürzen! Vernunft und Technik sei Dank, dass wir gegen Mittag zwar völlig erschöpft, jedoch gesund wieder in unsern Unterkünften liegen.
Donnerstag, 19.08.2010:
Heute Nacht wäre eigentlich der 2. Anlauf zum Gipfel gewesen. Nur das Wetter ist noch schlechter geworden. Insbesondere der Wind ist mit 40-50 km/h einfach zu stark für einen 2. Versuch. Wir steigen also am Donnerstag wieder ab zu unserem Hotel in Terskol. Hier entspannen wir erstmal ein bisschen und freuen uns vor allen Dingen auf eine Dusche und ein vernünftiges Klo! Am Abend essen wir Pizza und gönnen uns danach auch mal endlich einen Wodka. Man sollte die heimischen Spezialitäten auch alle mal probiert haben!
Freitag, 20.08.2010:
Heute machen wir mit unserem Guide noch eine kleine Abschlusstour durch die wunderschöne Kaukasuslandschaft. Wir sehen alles, was die Natur hier zu bieten hat – von Murmeltieren bis zu wilden Wasserfällen. Echt ein schönes Fleckchen Erde.

Samstag,21.08.2010:
Heute geht es zurück in die deutsche Heimat. Wir haben allerdings 14 Stunden Reise vor uns! Bei der Anreise war die Aufregung so gross, dass die Reisestrapazen nebensächlich waren. Jetzt merke ich aufgrund der anstrengenden Woche jeden Knochen in meinem Körper! In der Nacht zum Sonntag treffe ich um 3.30 Uhr zu Hause ein. Wegen einer Störung bei der ICE Verbindung von FFM nach Duisburg habe ich dann tatsächlich 16 Stunden gebraucht. Vielen Dank Deutsche Bahn für 2 Stunden Gratisfahrt! ;-(
Home sweet home kann ich da nur sagen. Ich habe es überstanden!
Mein Fazit:
Im Laufe des Sonntags fange ich an die Erlebnisse so nach und nach zu verarbeiten. Ich stelle mir die Frage, ob ich es nicht irgendwie doch zum Gipfel geschafft hätte? Doch je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr komme ich zu dem Schluss, dass es die richtige Entscheidung war in dieser Sturmnacht abzubrechen. In den Bergen wirst Du als menschlicher Organismus für eine kurze Zeit geduldet. Den Bedingungen, die dort oben herrschen, kannst Du Dich für diese Zeit der Duldung unterwerfen. Doch wenn die Bedingungen, wie zum Beispiel in Form des Wetters, dies nicht zulassen, musst Du Dich dem beugen. Der Berg entscheidet, ob er Dich hochlässt!
Ich glaube, diese ist eine respektvolle und somit die richtige Einstellung gegenüber den Bergen, welche schon vor uns Menschen da waren. Gleichzeitig sollten wir der Natur generell mit Demut begegnen – denn daraus sind wir entstanden.
Doch gerade deshalb wird auch das Wetter immer extremer. Im Nachhinein weiß ich, dass am 15.08.2010 in Russland der Winter angebrochen ist. Viel früher als sonst. In Deutschland hatten wir den kältesten August seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Und heute, am 31.08.2010, ist auch im Allgäu der Winter eingebrochen mit starkem Schneefall ab einer Schneegrenze von 1.300 m Höhe. Herzlich willkommen Klimawandel! Lasst uns alle gemeinsam mehr Respekt vor der Natur bzw. unserer Mutter Erde haben, denn wir sind auf sie angewiesen.
In diesem Zusammenhang bin ich völlig erschreckt von der gravierenden Umweltverschmutzung in Russland. Wir haben vermehrt gesehen, dass Müll (u.a. Plastik) einfach nachts im Garten verbrannt wird, weil die Müllabfuhr nicht kam. Alles was kaputt oder alt ist, wird oft einfach liegengelassen und verottet. Ich nehme gerne eine katastrophale Klokultur in Kauf, wenn wenigstens ein bisschen Geld in den Umweltschutz investiert werden würde. Da haben die Russen noch einiges an Nachholbedarf!
Ich war Teil einer charakterstarken 8-köpfigen Expeditionsgruppe und habe von den Kollegen eine Menge in Sachen Bergsteigen dazulernen können. Dazu hatten wir noch eine Menge Spaß zusammen – ein toller Haufen!
In den letzten Tagen hatte ich Zeit mir auch viele Gedanken über mein „SEVEN SUMMITS PROJECT“ zu machen. Beim ersten Gipfelversuch hat mich der Berg nicht hochgelassen. Na ja, es wird nicht der letzte gescheiterte Gipfelsturm gewesen sein und bei 7 Gipfeln und 11 Jahren Projektdauer habe ich deshalb ja bewusst 4 Fehlversuche eingeplant.
Es gibt halt nie eine Gipfelgarantie. Für dieses Jahr kann ich mein Project-Banner nur vor unserem „Botschkie Nr. 4“ wehen lassen. Doch ich habe beschlossen, schon im Jahr 2011 nach Russland zurückkehren – es wird also eine 1. Etappe reloaded geben! Niederlagen gehören überall dazu – im Privatleben, im Berufsleben und auch bei der Besteigung der „Seven Summits“. Wenn man dies als selbstverständlich betrachtet, ist man auch in der Lage zu Gewinnen!
„Es kommt im Leben nicht darauf an wieviel Du austeilst, sondern darauf wieviel Du einstecken kannst!“ (Rocky Balboa)
# Carsten Koczor
11.11.2011 um 01:54 Uhr
Schöner Bericht!!
Auf ein erfolgreiches Training am 06.05.2012
Gruß
Carsten
“Beginne damit das Nötige zu tun. Dann tue das Mögliche und plötzlich tust Du das Unmögliche – Franz von Assisi (ca.1181–1226 n.Chr.)”